TL;DR

Tobias Kremer und Yannick Stilgenbauer (HBKsaar) sind mit A.R.C. Finalisten des RIMOWA Designpreises 2026: ein aufblasbares Kühlsystem, das in Katastrophengebieten Medikamente und Lebensmittel ohne Strom kühlt. Im Interview erzählen sie von ihrer Idee und ihren nächsten Schritten.

Mit dem Projekt A.R.C. (Adaptive Resilient Cooler) sind die HBKsaar-Studierenden Tobias Kremer und Yannick Stilgenbauer am 11. Mai 2026 als Finalisten des RIMOWA Designpreises 2026 ausgezeichnet worden – eine der renommiertesten Auszeichnungen für deutsches Design. Die beiden studieren Produktdesign an der HBKsaar und haben ein aufblasbares, autarkes Kühlsystem entwickelt, das in Katastrophengebieten Medikamente und Lebensmittel vor Verderb schützen soll – ganz ohne Strom, allein durch Verdunstungskälte, natürliche Belüftungsprozesse und optimierte Isolierung. Neben dem Erhalt von 5.000€ kommt der Preis mit der Möglichkeit einer Ausstellung im Kulturforum Berlin. Wir haben mit den beiden über die Idee, die Rolle von Design als Innovationstreiber und ihre nächsten Schritte gesprochen.  

DOCK 11: Zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zur Auszeichnung! A.R.C. ist ein Projekt, das ein sehr ernstes Thema anpackt – die Versorgung von Menschen in Krisenregionen. Erzählt doch mal: Wie seid ihr darauf gekommen, und was hat euch daran gereizt? Gab es einen Moment, ein Bild oder eine Geschichte, die den Ausschlag gegeben hat?

Tobias & Yannick: Uns ist natürlich bewusst, dass die Temperaturen durch den Klimawandel weltweit steigen, wir erleben es ja gerade selbst. Zugleich häufen sich Krisen, die tausende Menschen auf externe Hilfe angewiesen machen: Erdbeben, Waldbrände, Hitze- und Dürreperioden erschweren das Leben immens und verlangen nach Lösungen. In solchen Situationen brechen Stromnetze und Infrastrukturen zusammen und dann stellt sich die Frage: Was tut man, wie hilft man sich, und vor allem: Wie kühlt man ohne Strom? Erst letztes Jahr gab es mehrere großflächige Blackouts, etwa in Portugal und Spanien, wenn auch aus anderen Ursachen. Der Klimawandel verschärft die Lage zusätzlich, und die Zahl der Notlagen wächst stetig.

Als Produktdesigner sehen wir uns genau an der Schnittstelle zwischen guter Gestaltung und der Möglichkeit, Dinge zu bewegen. Inflatables faszinieren uns schon eine ganze Weile und irgendwann kam die Idee, einen aufblasbaren Kühlschrank zu entwerfen. So nahm alles seinen Anfang.

Als Produktdesigner sehen wir uns genau an der Schnittstelle zwischen guter Gestaltung und der Möglichkeit, Dinge zu bewegen.

DOCK 11: Von dieser ersten Idee bis zu einem Kühler, der wirklich funktioniert, ist es ja ein weiter Weg. Wann war für euch der Moment, an dem klar wurde: Das trägt – das bleibt nicht nur Theorie?

Tobias & Yannick: Lange Zeit war die Idee eher ein Hirngespinst. Wir haben uns viel Theorie angelesen, nächtelang recherchiert und versucht, alles so wissenschaftlich fundiert wie möglich herzuleiten, doch ob unsere Überlegungen tatsächlich tragen, konnten wir nie mit Sicherheit sagen. Gerade diese Belegbarkeit war uns aber ungeheuer wichtig, weshalb wir immer wieder Experten aus den unterschiedlichsten Bereichen konsultiert haben.

Wir erinnern uns noch gut an unseren ersten Besuch bei Dr.-Ing. Gerhard Braun vom Lehrstuhl für Thermodynamik an der HTWSaar. Wir waren beide furchtbar nervös und wussten: Mit seiner ersten Einschätzung könnte alles ins Wasser fallen. Das war vielleicht der entscheidendste Moment im gesamten Projekt, es hätte sehr schnell vorbei sein können. Zum Glück kam es anders. Der Termin verlief ausgesprochen positiv. Natürlich muss noch an vielem intensiv geforscht werden und einiges müssen wir weiter anpassen und optimieren, auch jetzt nach dem Wettbewerb, damit am Ende alles so funktioniert, wie wir es uns vorstellen. Wir sind also nach wie vor dran, denn wir sind überzeugt, dass A.R.C. echten Nutzen bringen kann. Und genau deshalb wollen wir das Projekt weiterverfolgen.

DOCK 11: A.R.C. ist ja viel mehr als ein schön gestaltetes Objekt – im Kern steckt da eine konkrete technische Erfindung drin. Trotzdem denken viele bei Design zuerst an Form und Optik. Was kann Design, das oft unterschätzt wird – und warum ist es gerade auch ein Motor für Innovation?

Der Antrieb für Innovation ist letztlich die Neugier und genau die macht unser Studium zu dem, was es ist.

Tobias & Yannick: Wie erwähnt, sehen wir uns als Produktgestalter an einer sehr spannenden und wirkungsvollen Position. Unsere Aufgabe ist nicht nur, Dinge zu entwerfen, die gut aussehen, wir bewegen uns durch viele verschiedene Fachbereiche und versuchen am Ende, alles schlüssig zusammenzuführen: Inhalte ebenso wie Menschen. Gestaltung bedeutet, offen für Neues zu sein. Es gibt so vieles, was uns interessiert, was wir noch lernen wollen und wofür wir etwas bewegen können. Der Antrieb für Innovation ist letztlich die Neugier und genau die macht unser Studium zu dem, was es ist. Diese Neugier hat uns ins Finale gebracht.

DOCK 11: Bei eurem Projekt musste vieles zusammenpassen: das Material, die Form, wie es sich transportieren und aufbauen lässt, wer es am Ende benutzt. Ist genau dieses Zusammendenken die besondere Stärke von Designer:innen? Und was würde fehlen, wenn man so ein Problem rein technisch lösen würde?

Tobias & Yannick: Bei A.R.C. spielt die soziale Komponente eine ganz entscheidende Rolle. In einer Situation, in der alles versagt und Hilfe von außen das Einzige ist, was bleibt, gehen oft auch gemeinschaftlicher Zusammenhalt und Selbstwirksamkeit verloren. Genau das soll unser System verändern: A.R.C. wird von den Betroffenen gemeinsam aufgebaut, betrieben und im Bedarfsfall sogar repariert, ohne besondere Kenntnisse oder Werkzeuge. Auf rein technischem Weg gelöst, wäre diese Dimension vermutlich zu kurz gekommen.

DOCK 11: Der RIMOWA Designpreis ist eine der renommiertesten Auszeichnungen im deutschsprachigen Design. Was bedeutet diese Anerkennung konkret für eure Professionalisierung – jenseits des Prestiges?

Tobias & Yannick: Zunächst einmal war die ganze Zeit unglaublich intensiv. Es ins Finale geschafft zu haben, bedeutet uns viel, weil so viel Arbeit und Herzblut in dem Projekt steckt. Der Einzug in die Endrunde hat hoffentlich einige Türen geöffnet. Wir hoffen beide, dass er uns den Einstieg ins Berufsleben nach dem Studium etwas erleichtert, schließlich wissen wir alle, wie schwierig das im kreativen Sektor sein kann. Vor allem aber konnten wir wertvolle Kontakte knüpfen und fantastische Menschen kennenlernen: von unserem Mentor Konstantin Grcic über die anderen Finalisten bis hin zu Gestalterinnen und Gestaltern aus aller Welt.

DOCK 11: 5.000 € Preisgeld und eine Ausstellung im Kulturforum Berlin: Was ermöglicht euch das ganz praktisch – jetzt im nächsten Schritt?

Tobias & Yannick: Ein solches Preisgeld schon während des Studiums zu erhalten, ist ein schönes Gefühl und für uns das erste Mal, dass wir mit einem Produktdesign-Projekt Geld verdienen. Die Ausstellung wiederum war eine großartige Gelegenheit, Aufmerksamkeit zu erzeugen und uns zu vernetzen. Es war ein großes Ereignis, und es hat uns sehr gefreut zu sehen, wie positiv die Menschen vor Ort auf A.R.C. reagiert haben.

DOCK 11: Wie geht es mit A.R.C. weiter – bleibt es ein Wettbewerbsprojekt, oder steckt mehr drin? Und was heißt das für euch nach dem Studium?

Bei A.R.C. spielt die soziale Komponente eine ganz entscheidende Rolle.

Tobias & Yannick: Zunächst brauchen wir eine kleine Auszeit, denn das Projekt hat uns viel abverlangt, vor allem, weil irgendwann weitere Projekte parallel dazu kamen und man alles unter einen Hut bringen musste. Dabei soll es aber nicht bleiben. Wir wünschen uns beide, dass A.R.C. auch nach dem Wettbewerb weiterlebt und es fühlt sich fast so an, als hätte mit dem Finale in Berlin alles erst richtig begonnen.

Als Nächstes wollen wir das bisher Erreichte vertiefen und wissenschaftlich absichern. Schon bei unserem ersten Termin an der HTWSaar war die Rede von Forschungsanträgen, die sich lohnen würden. Das wollen wir nun angehen und die Idee weiterbringen. Wir überlegen sogar, damit zu gründen und tatsächlich etwas zu bewirken. Denn A.R.C. kann helfen und Bedarf gibt es überall auf der Welt.

Dock 11: Danke für eure Zeit und die spannenden Einblicke in euer Designprojekt! Wir wünschen euch viel Erfolg mit A.R.C.!

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