
Nach elf Jahren in Deutschland ist Pesheng Ali zum ersten Mal zu seiner Familie zurückgekehrt. Eine Kamera hatte er im Gepäck, oft blieb sie auf der Kommode liegen. Aus dieser Reise entwickelt der Filmemacher und HBKsaar-Student gerade den abendfüllenden Dokumentarfilm „Dazwischen“. Im Mittelpunkt steht seine Mutter.
TL;DR
Interview mit dem Filmemacher Pesheng Ali.
In ‚Dazwischen’ bist du gleichzeitig Regisseur, Erzähler und Teil der Geschichte: Deine Mutter ist die zentrale Figur, aber es ist deine Rückkehr, deine Perspektive, die den Film trägt. Wie gehst du mit dieser Doppelrolle um? Suchst du bewusst Distanz zum eigenen Stoff, oder ist gerade die Nähe das Material, mit dem du arbeitest?
Pesheng: Ich war mir zu Beginn nicht sicher, ob daraus wirklich ein Film wird. Ich wollte erst einmal selbst dort sein, fühlen, riechen und sehen, wie es den Menschen geht. Wie geht es meiner Familie? Was haben die vergangenen elf Jahre mit ihnen gemacht? In dieser Zeit ist unglaublich viel passiert und ich habe vieles verpasst, an dem ich wieder teilhaben wollte.
Mir war bewusst, dass eine Kamera immer eine gewisse Distanz schafft. Deshalb hatte ich sie nicht ständig dabei. Oft blieb sie einfach auf der Kommode liegen. Ich habe sie erst in die Hand genommen, wenn ich das Gefühl hatte, dass der richtige Moment gekommen ist. Für mich war wichtiger, den Moment wirklich zu erleben, als alles festzuhalten. Ich glaube, genau diese Nähe ist das Material, aus dem der Film entstanden ist.
Dazwischen’ ist als abendfüllender Dokumentarfilm angelegt und aus deinem Bachelorfilm herausgewachsen. Wie stemmt man so ein Projekt praktisch, von der Finanzierung über die Förderanträge bis zur Produktionsstruktur? Und was bedeutet dieser Schritt persönlich für dich?
Pesheng: Bei fast jedem größeren Projekt gab es Momente, in denen ich dachte: Wie soll ich das schaffen? Das erste Mal mit einer Kamera loszuziehen, die Nacht davor kaum schlafen zu können oder später zum ersten Mal Förderanträge zu schreiben. Diese Situationen haben mich jedes Mal gestresst.
Rückblickend merke ich aber, dass genau diese Herausforderungen mich weitergebracht haben. Kaum hat man eine Hürde überwunden, wartet schon die nächste. Mittlerweile gehört dieses Gefühl fast dazu.
Neben dem Filmemachen selbst habe ich gelernt, dass zu einem Dokumentarfilm viel mehr gehört als Regie. Finanzierung, Förderanträge, Organisation und Produktion sind genauso wichtig. Ich habe gelernt, Projekte verständlich zu formulieren und andere von einer Idee zu überzeugen.
Gleichzeitig hatte ich großes Glück, immer Menschen an meiner Seite zu haben, die an mich geglaubt und mich unterstützt haben. Ohne sie wäre dieses Projekt deutlich schwieriger geworden.
Bisher hast du vieles allein gemacht: Regie, Kamera, Schnitt, Ton. Für ‚Dazwischen’ arbeitest du erstmals mit einem festen Team, unter anderem mit Leon Fürtig an der Kamera. Was verändert sich, wenn man Aufgaben abgibt, die man vorher selbst verantwortet hat?
Pesheng: Beim Dokumentarfilm habe ich gelernt, dass die Kamera nicht stören darf. Sie darf präsent sein, aber niemals wichtiger werden als die Menschen vor ihr. Es braucht viel Feingefühl, um zu erkennen, wann man filmt und wann man die Kamera lieber unten lässt.
Die Menschen in meinem Film sind keine Figuren, sondern Menschen mit echten Geschichten. Deshalb ist Vertrauen wichtiger als perfekte Bilder.
Leon bringt genau dieses Gespür mit. Er beobachtet aufmerksam und drängt sich nie in den Vordergrund. Deshalb war für mich schnell klar, dass er der Richtige für diese Aufgabe ist. Sollte sich die Sicherheitslage ändern und jemand anderes übernehmen müssen, wäre genau dieses Feingefühl für mich die wichtigste Voraussetzung.
Der Dreh ist in einer Region geplant, in der die Sicherheitslage unberechenbar ist, und du hältst dir im Zeitplan offen, ihn notfalls zu verschieben. Wie bereitet man eine Produktion unter solchen Bedingungen vor, gerade wenn man Verantwortung für ein Team trägt? Was würdest du anderen mitgeben, die an sensiblen oder schwer zugänglichen Orten drehen wollen?
Pesheng: Die größte Herausforderung ist für mich gar nicht die Produktion selbst, sondern die Verantwortung für die Menschen, die mich begleiten. Ich denke oft weniger an den Film als an das Team. Was ist, wenn etwas passiert? Kann ich diese Verantwortung überhaupt tragen? Es ist mir wichtig, dass Menschen von dem Projekt überzeugt sind und trotz allem, was auf uns zukommt, dabei sein möchten. Deshalb brauche ich Menschen an meiner Seite, die ich kenne und mit denen ich schon gearbeitet habe und auf sie zählen kann. Gerade unter schwierigen Bedingungen ist Vertrauen wichtiger als jeder Drehplan.
Ich glaube, man sollte an sensiblen Orten niemals um jeden Preis drehen wollen. Kein Bild ist wichtiger als die Sicherheit eines Menschen. Wenn sich die Situation verändert, muss man bereit sein, den Dreh zu verschieben oder ganz darauf zu verzichten.
Deine bisherigen Filme liefen auf Festivals vom Max Ophüls Preis bis zum Kurdischen Filmfestival Hamburg. Wie planst du die Auswertung von ‚Dazwischen’, und nach welchen Kriterien wählst du Festivals aus? Gibt es welche, die dich besonders reizen, und warum gerade diese?
Pesheng: Für mich ist ein Festival dann erfolgreich, wenn der Film das richtige Publikum erreicht. Nicht jedes Festival passt zu jedem Film. Deshalb interessieren mich vor allem Dokumentarfilmfestivals, bei denen ein echter Austausch mit dem Publikum entstehen kann.
Max Ophüls hat für mich einen besonderen Stellenwert. Dort lief einer meiner ersten Filme, und das war eine riesige Chance. Saarbrücken ist für mich inzwischen ein Stück Heimat geworden. Ich hatte dort das Gefühl, dass mein Film in guten Händen ist.
Besonders wichtig sind für mich die Gespräche nach den Vorführungen. Dort merkt man erst, wie unterschiedlich Menschen einen Film wahrnehmen. Ich glaube, ein Film lebt erst durch die Zuschauerinnen und Zuschauer.
Du bist seit 2015 in Deutschland. Quasi seit Tag Eins bist du in der Kultur- und Kreativbranche im Saarland unterwegs: Erst im Amateurtheater, dann als Mediengestalter und inzwischen Student an der HBKsaar, wo du primär Dokumentarfilme machst. Bleibt es dabei und wenn ja, was hält dich dort? Oder zieht es dich nochmal in einen anderen Bereich?
Pesheng: Ich kann mich bis heute nicht zwischen Dokumentarfilm und Spielfilm entscheiden. Beide erzählen auf ihre eigene Weise von Menschen. Wahrscheinlich werde ich langfristig versuchen, beides miteinander zu verbinden. Beim Film werde ich auf jeden Fall bleiben.
Eigentlich wollte ich früher Schauspieler werden. Das war mein größter Traum. In Syrien habe ich es versucht, aber es hat nicht funktioniert. Deshalb war das Erste, wonach ich nach meiner Ankunft in Deutschland gesucht habe, eine Theatergruppe.
Mit der Zeit habe ich jedoch gemerkt, dass ich lieber hinter der Kamera stehe. Ich habe Geschichten, die ich erzählen möchte. Als Schauspieler erzählt man meist die Geschichten anderer.
Rückblickend habe ich viele Umwege gemacht. Ich habe mich zunächst nicht getraut, Film zu studieren. Stattdessen wollte ich das Handwerk lernen: Kamera, Ton, Schnitt und den gesamten Weg von der Idee bis zum fertigen Film. Genau dieser Prozess fasziniert mich bis heute.
Seit meinem Studium an der HBKsaar sind die Projekte größer geworden. Eine der wichtigsten Lektionen war für mich zu lernen, Verantwortung zu teilen und Menschen zu vertrauen, die in ihrem Bereich besser sind als ich. Das macht einen Film nicht weniger zu meinem, sondern oft besser.
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