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Arrival Room | Dock 11 Interview

Arrival Room | Dock 11 Interview
Foto: Arrival Room

Die Idee: Ein Raum für Alle! Du wolltest schon immer deine eigene Kunstausstellung machen? Oder mit deiner Band ein cooles Konzert geben? Im Arrival Room kannst du das Projekt realisieren, von dem du schon immer geträumt hast. Und das völlig kostenlos! 
Das Team von Arrival Room will einen Raum in Galeriegröße mitten in Saarbrücken eröffnen. Menschen, die bisher keine Chance hatten, einen geeigneten Ort für ihr Herzensprojekt zu finden, sollen zukünftig im Arrival Room fündig werden. Von Fotoausstellung, Workshops oder Sprachkurse – im Arrival Room soll dies all möglich sein! Gemeinsam mit dem Arrival Room – Team planst du dein Projekt bis zur Realisierung. Am Ende präsentierst Du deine ganz persönliche Arbeit einem interessierten Publikum. Doch bevor es los gehen kann muss noch eine große Hürde genommen werden. Als einziges saarländisches Projekt ist der Arrival Room für den deutschen Integrationspreis nominiert. Um in diesem bestehen zu können muss das Projekt bis zum 5. Juni 2019 das erste Fundingziel von 10.000 € erreicht haben! Auf www.startnext.com/wear könnt ihr das Projekt unterstützen.

Wir trafen zwei der Macher zum Gespräch über Crowdfunding, die Demokratisierung der Kultur und die eigene Scham davor, andere um Unterstützung zu bitten.

Dock 11: Hallo Saskia, Hallo Eugen. In den letzten Tagen liest, hört und sieht man viel über ein neues Projekt in Saarbrücken: Den Arrival Room. Ihr beiden arbeitet mit eurem Team momentan mit Hochdruck an der Verwirklichung dieses Vorhabens. Was steckt hinter dem Konzept?

Saskia: Der Arrival Room ist ein Raum, der im Entstehen begriffen ist. Dieser Raum wird Kunst- und Kulturschaffenden in Eigenverantwortung und mit uns als Kuratoren und Unterstützern zur Verfügung gestellt. Das heißt, sie können mit ihrem Herzensprojekt kommen und dieses Herzensprojekt dann auch realisieren, mit unserer Hilfe und unserem Netzwerk.

Eugen: Die Geschichte hinter dem Projekt sind im Grunde meine Erfahrungen mit »Morgen wird schöner«. Das war ein Geflüchteten-Theaterprojekt hier in Saarbrücken. Daraus ist die Überzeugung entstanden, dass ein solches Projekt eine eigene Heimat braucht, wo man proben und sich treffen, aber auch andere Projekte realisieren kann. Menschen sind während der Theaterprojekte mit dem Begehren auf uns zu gekommen,  im Rahmen von »Morgen wird schöner« auch malen, ausstellen oder Skulpturen fertigen zu können. Diesen Ideen konnten wir aber leider damals noch keinen Raum bieten.
Daraus ist der Wunsch gewachsen, den Raum nicht mehr nur als Konzept zu denken, sondern als tatsächlichen, physischen Ort, an dem wir allen möglichen Projekten eine Heimat bieten können.

Eigentlich trage ich nur meine Begeisterung an dem Projekt weiter. Dennoch muss man irgendwann mit der Tür ins Haus fallen und sagen: Mit 5 € bist du dabei.

Saskia: Genau. Und daraus ist dann die Idee des Arrival Room geboren. Für diesen Room brauchen wir nun einen Raum. Deswegen starten wir nun diese Crowdfunding Kampagne.

Dock 11: Stichwort Crowdfunding-Kampagne: Ihr seid für den deutschen Integrationspreis nominiert. Dabei werden alle Projekte, die es in den abschließenden Crowdfunding-Contest schaffen, auf startnext kuratiert.

Eugen: Der deutsche Integrationspreis ist ein Crowdfunding-Wettbewerb mit innovativen Projekten aus ganz Deutschland, die sich für Teilhabe und gesellschaftlichen Zusammenhalt einsetzen.  Dabei haben die Projekte 30 Tage Zeit, möglichst viele Menschen von ihren Ideen zu überzeugen und das Fundingziel von 10.000 € zu erreichen. Wir sind dabei eins von 44 Projekten, die deutschlandweit angetreten sind. Als einzige Teilnehmer aus dem Saarland sind wir fest entschlossen, den Preis hierher zu holen.
Da wollen wir auch ein wenig die lokalpatriotische Karte spielen, denn gewinnen können wir den Preis nur alle gemeinsam: Der Integrationspreis ist ein Crowdfunding Preis. Das heißt, das Projekt mit den meisten Crowdfunding-Unterstützern gewinnt letztendlich. Für uns ist es wichtig, dass wir 500 Unterstützer bekommen um in eine der Preiskategorien zu gelangen, in denen die Preisgelder ausgeschüttet werden.

Wir wollen auch die lokalpatriotische Karte spielen, denn gewinnen können wir den Preis nur alle gemeinsam!

Neben den 500 Unterstützern benötigen wir daher 10.000 € um das Fundingziel zu erreichen. Man kann uns dabei nur online unterstützen. Natürlich hilft jeder Cent, aber wenn wir Geld nun bar annehmen, haben wir das Problem, das die Summe zwar steigt, aber unsere Unterstützerzahlen gering bleiben. Das hilft uns dann wiederum nicht bei der Platzierung.

Saskia: Die Kampagne läuft über startnext. Auf der Seite des Arrival Room findet man alle Informationen zu dem Projekt, was unsere Ideen sind, was die Geschichte dahinter ist und was es Neues gibt. Außerdem kann man auf unserer Facebookseite viele Infos erhalten. Dort erfährt man, wer so hinter dem Projekt steckt, was die Motivationen der einzelnen Teammitglieder sind.

Die Leute spenden etwas für den guten Zweck, identifizieren sich dann auch mit dem Projekt viel stärker.

Eugen:  Auf Startnext dürfen sich die Unterstützerinnen aus einer Vielzahl an Dankeschöns – je nach Unterstützungsbetrag – eines aussuchen. Da wir ein gemeinnütziges Projekt sind, sind wir auch in der Lage Spendenquittungen auszustellen.

Dock 11: Das sind eure ersten Erfahrungen mit Crowdfunding. Das Crowdfunding-Konzept ist prinzipiell ja vielen ein Begriff, man hat dazu eine gewisse Vorstellung. Was hat euch bei dem konkreten Starten und Durchführen der Crowdfunding-Kampagne dann aber doch überrascht?

Eugen: Was mich anfangs überrascht und auch ein wenig geschockt hat, ist, dass die Crowdfunding-Seiten kein eigenes Publikum generieren. Also man die Crowd selber aktivieren muss. Startnext an sich, nicht direkt ein Publikum hat, wie das bei Ebay oder anderen Seiten ist, die einen gewissen Markt abbilden. Aber das ist auch ein wenig der Reiz daran. Insbesondere für ein Projekt wie Arrival Room. Die Leute spenden etwas für den guten Zweck, identifizieren sich dann auch mit dem Projekt viel stärker. Trotzdem ist es natürlich ein enormer Aufwand, die Leute darauf erstmal aufmerksam zu machen und sie dann noch dazu zu bringen, auch tatsächlich einen Betrag zu spenden.

Die Kunst und die Kultur wieder dahin zu bringen wo sie hin gehört: Zu den Menschen.

Saskia: Was ich extrem herausfordernd finde ist die Kommunikationsleistung, die dafür nötig ist: Schlage ich den digitalen Weg ein, das via Facebook zu kommunizieren, ist das die eine Sache. Aber die Face-to-Face-Kommunikation, in die wir sehr viel Energie und Zeit stecken – wir versuchen auf vielen öffentlichen Veranstaltungen sichtbar zu sein und die Leute anzusprechen – ist ein wenig so, als würde man ins Meer spucken. Wenn wir den Leuten den Arrival Room persönlich vorstellen, sind die Reaktionen durch die Bank weg positiv, aber bis die Leute zu Hause sind, haben sie es oft wieder vergessen. Das ist auch die Herausforderung daran, die Leute so zu begeistern, dass Sie auch noch zu Hause auf die Startnext Seite gehen. Wir überlegen, da auch eine direkte Rückkopplung zu entwickeln. Dass man da dann wirklich mit einem Ipad da steht und den Leuten sagt, wenn du jetzt was spendest gibt’s von uns ein Stück Kuchen. So wollen wir das dann in den nächsten Wochen machen, das war ein gewisser Lernprozess.

Das ist auch die Herausforderung daran, die Leute so zu begeistern, dass Sie auch noch zu Hause auf die Startnext Seite gehen.

Für mich persönlich kostet genau das auch immer noch Überwindung. Anfangs hatte ich manchmal das Gefühl, die Leute anzubetteln. Man muss sich aber einfach darüber im Klaren sein, dass wir das Projekt wirklich aus einem guten Grund betreiben und wachsen sehen wollen. Auch wenn es aufwendig ist, die Leute im direkten Gespräch davon zu überzeugen, klappt das meiner Meinung nach doch besser als ausschließlich digital. Es ist einfach leichter, eine gewisse Begeisterung dafür zu entfachen, wenn man selbst davon überzeugt ist und das auch emotional so rüberbringen kann. Es gibt daher auch keinen Grund sich komisch zu fühlen oder das allzu sehr mit seiner eigenen Person zu verbinden, wenn man die Leute um finanzielle Unterstützung bittet. Weil eigentlich trage ich damit nur meine Begeisterung an dem Projekt weiter. Dennoch muss man dann irgendwann mit der Tür ins Haus fallen und sagen: Mit 5 € bist du dabei.

Am Ende des Tages ist der Betrag, den die Crowdfunding-Kampagne gesammelt hat, das Maß, mit dem wir unseren Erfolg messen werden.

Eugen: Genau. Am Ende des Tages ist der Betrag, den die Crowdfunding-Kampagne gesammelt hat, das Maß, mit dem wir unseren Erfolg messen werden. Wir müssen den Leuten tatsächlich klar machen: Wir brauchen von dir 5, 10 oder 20 €. Dafür bekommt man aber auch etwas zurück, wenn man mit der Idee dahinter was anfangen kann.

Dock 11: Ihr beschreibt den Arrival Room als einen Raum für die Ideen aller. Wollt Inspiration aus allen Richtungen zulassen. Wie sieht eure Idealvorstellung davon aus, wer den Raum am Ende nutzt?

Eugen: Der Arrival Room ist tatsächlich für alle. So wollen wir auch den Anfang gestalten. Es muss einfach jedem offen stehen, sich zu beteiligen, damit wir auch ein wenig sehen können, wen das Angebot denn überhaupt interessiert. Wer fühlt sich davon angesprochen. Das Ganze ist insofern ja auch nicht nur für uns eine Herausforderung für uns sondern auch für diejenigen, die zu uns kommen und am Ende ja die Inhalte liefern.

Der Arrival Room ist kein Herkunftsprojekt, sondern ein Entwicklungsprojekt.

Saskia: Das ist ja auch ein wenig unser Ansatz. Eine neue Art Kunst zu denken. Im AR ist niemand, der das Ganze von vorneherein ganz streng kuratiert oder bestimmt, welche Themen und Formate auf die Bühne dürfen. Vielmehr wollen wir die Inspirationen und Gedanken aufnehmen, die uns zugetragen werden, und diese dann auch genauso experimentell, facettenreich und bunt abzubilden, wie sie ja auch in der Gesellschaft vorkommen.
Die Inhalte sind also nicht von uns vorgegeben. Wir haben einen gewissen Rahmen und kuratieren das nicht von oben herab, sondern mit den Leuten, die die Projektideen haben.

Eugen:  Wir wollen da einen Schritt weitergehen. Wir sind keine kommerzielle Galerie oder Institution, die es den Leuten ab und an erlaubt, sich in einem professionellen Umfeld zu versuchen, wenn es uns denn passt. Wir stellen keine Hürden auf, sondern versuchen, die Teilnahme am kulturellen Betrieb zu demokratisieren und die Hindernisse so klein wie möglich zu halten, und jedem erlauben vor Publikum aufzutreten, auszustellen und sich selbst auszuprobieren.

Saskia: Die Kunst und die Kultur wieder dahin zu bringen wo sie hin gehören. Zu den Menschen.

Das Ganze ist nicht nur für uns eine Herausforderung, sondern auch für diejenigen, die zu uns kommen und die Inhalte liefern.

Dock 11: Das ist auch das, was ihr mit »Alle« meint. Bei euch schwingt nicht die Konnotation des »Anderen« mit. Ihr zielt mit dem Angebot nicht explizit auf Geflüchtete, sondern seht eher eine gesamtgesellschaftliche Zielgruppe. Hat euch das auch für den deutschen Integrationspreis so interessant gemacht?

Eugen: Wir wollen keinen Raum bieten, der nur Migranten und Geflüchteten offen steht. Das hatte sich auch im Rahmen von »Morgen wird schöner« so gezeigt. Es kamen da von Beginn an Leute aus allen Schichten und verschiedenster Herkunft auf uns zu mit dem Wunsch, sich einzubringen. Da konnte ich natürlich nicht sagen: »Du bist Deutscher, du darfst nicht mitmachen«. Denn der Arrival Room ist kein Herkunftsprojekt, sondern ein Entwicklungsprojekt.

Saskia: Mir ist auch wichtig, dass diese Offenheit auch in Fragen der Ästhetik beibehalten wird, man sich anderen Ästhetiken und Formsprachen nicht verschließt. Es ist ja interessant und produktiv, wenn Menschen aus anderen Ländern eine andere Herangehensweise haben, künstlerisch zu arbeiten. Das finde ich unheimlich spannend und dem wollen wir auch eine Plattform geben. Durch diesen Kontrast kann einfach viel Neues entstehen. Neues in Saarbrücken ankommen. Ein Arrival Room eben.

Dock 11: Vielen Dank, dass ihr uns euer Projekt vorgestellt habt und ganz viel Erfolg!

 

Das Interview führte Matthias Schmitt

 

Das Arrival Room Team bereichern unter anderem:

Eugen Georg – Projektleitung

Saskia Riedel – Presse und Kommunikation

Christina Amberg – Layout und Design

Maryam Farahany – Systemische Therapeutin

Michael Sperlich – Sozialpädagoge

Nouh Hammami – Bühnenbildner und Fotograf

Habib Flaha – Sprachmittler

Isabelle Georg – Germanistin und Autorin

Bertille Ogier – Juristin

Unterstützt Arrival Room https://www.startnext.com/wearauf