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Content & Crémant Vol. 14

Content & Crémant Vol. 14
Foto: Sascha Markus

Auch die schweißtreibenden Temperaturen konnten vergangenen Donnerstag die Besucher nicht von einem Besuch von Content und Crémant im Jules Verne abhalten. Zum Thema kuturelle Zwischennutzung von Leerständen saßen Rainer Hartz, der sich selbst als freiberuflichen Fotografen, Kulturnetzwerker und Stadtbeobachter bezeichnet sowie Matthias Kollmann, Mitbegründer und Geschäftsführer des USUS e. V., auf der Bühne.

In seiner interdisziplinären Abschlussarbeit hat Rainer sich mit dem Wert kultureller Zwischennutzungen von Leerständen beschäftigt und ein umfassendes Bild über das Phänomen in Saarbrücken gezeichnet. Für Gelände, die gemeinhin als Brachen, Orte des Scheiterns, betrachtet werden, gibt es im Französischen auch den Begriff des ›terrain vague‹. Dieser lässt die Möglichkeit für eine optimistischere Betrachtung offen – als Zwischenräume, die in Saarbrücken in den vergangenen Jahren mit faszinierenden Projekten gefüllt werden konnten. Das Silo am Osthafen zum Beispiel blickt auf eine lange, bewegte Geschichte mit unterschiedlichen Akteuren zurück. Oder die Alte Post, die für einige Zeit Heimat der ›Wilden Katz‹ war, die mit einer Mischung aus Technopartys und urbaner Kunst in detailverliebten Arrangements enormen Zulauf hatte. Die alte Becolinfabrik, die zur Eventlocation mit Partys, einem Festival für zeitgenössischen Tanz, Theateraufführungen, Konzerte, Ausstellungen der hbk und Kunstperformances belebt wurde, ist ein weiteres Beispiel erfolgreicher Zwischennutzung. Auch das Projekt ›Tjurip‹ im Fasanerieweg fand Erwähnung. Letzteres wurde von sieben Studierenden der hbk im Herbst 2016 in einer leer stehenden Textilfabrik organisiert, die hier einen Ort für Ihre Abschlussarbeiten inszenierten. 

Saarbrücken – Urbanität oder Provinzialität?

Schnell fallen die Worte Urbanität und Provinzialität. Denn diese schillernden, meist nicht-kommerziellen Kunst- und Kulturprojekte, versprühen ein urbanes Flair, das nicht jeder der Anwesenden mit Saarbrücken verknüpft. Sie deuten auf das Vorhandensein entsprechender junger, unkonventioneller Milieus hin, die die Kraft aufbringen, eine Stadt zu bewegen. Kein Wunder, dass die Frage der Moderatorin Isabel Sonnabend wie urban oder provinziell Saarbrücken eigentlich ist, keine eindeutige Antwort erhielt. Das sei abhängig von Wochentag und Uhrzeit, sagt Hartz. Unter anderem fehle es in der Stadt einfach an Masse potenzieller Besucher für den Erhalt eines permanenten Großstadtflairs. Außerdem verlassen die jungen, potenten Kreativen die Stadt, weil sie hier keine Perspektiven für sich und ihre Ideen sehen. 

Unkonventionelle Milieus haben die Kraft eine Stadt zu bewegen

Dem können Zwischennutzungsprojekte entgegenwirken. Sie bieten die Möglichkeit, sich auszuprobieren, ohne gleich die komplette wirtschaftliche Existenz aufs Spiel zu setzen. Mittendrin in der Zwischennutzung ist Matthias Kollmann, Mitbegründer von USUS, einem Verein zur Förderung von Kunst, Kultur und einer nachhaltigen Stadt- und Quartiersentwicklung. Das Team ist ein Zusammenschluss engagierter Menschen, die es sich im Dezember 2016 zum Ziel gesetzt haben, die vorhandenen Leerstände in Saarbrücken und dem Saarland mit Vereinen, Initiativen, Ateliers und Neugründern zu füllen. Aktuell sind sie aber vollauf damit beschäftigt, das Garelly-Haus zu verwalten. Dieses Zwischennutzungsprojekt existiert bereits relativ lange, wenn auch nicht klar ist, wie lange noch. Das Haus hat drei Etagen zu jeweils rund 400 m² Grundfläche, die zu einem Drittel als Vereinsräume, Ateliers und Büros angeboten werden und voll ausgenutzt sind. Die restlichen Flächen stehen für Veranstaltungen zur Verfügung. Anfragen können alle, ein Vorlauf von rund drei bis vier Monaten muss allerdings schon eingeplant werden. Bedarf ist also auf jeden Fall da. Kollmann hat nicht genug Platz für all jene, die Ateliers, Büros oder Ausstellungsflächen brauchen. Dabei macht das Garelly-Haus keine Werbung. Das Projekt lebt allein von der Vernetzung. Aber es wird ehrenamtlich gewuppt, wie so viele ähnlicher Projekte. Hier wünscht Kollmann sich mehr Unterstützung von der öffentlichen Hand. Denn letztlich sei das Stadtentwicklung, was hier geleistet wird und es würde sich lohnen zu investieren. Seiner Ansicht nach gibt die Szene aber schon lange mehr, als sie bekommt.

LeerstandsnutzungDas beste Mittel gegen Verfall und Vandalismus

Aber was haben Immobilienbesitzer davon, ihre Leerstände für die Zwischennutzung  zur Verfügung zu stellen? Diese Frage ist ganz einfach zu beantworten, findet Hartz: Der Leerstand wird genutzt. Das beste Mittel gegen Verfall und Vandalismus. Er wird aufgewertet und kommt wieder ins Gespräch. Das erhöht mittelfristig die Chancen auf eine konventionelle dauerhafte Vermietung. Das zeigt beispielsweise auch das Projekt ›Tjurip‹. Im Nachbargebäude entstand vergangenes Jahr der Coworking Space Fase 15, in dem auch Dock 11 beheimatet ist. Und für die alte Textilfabrik gibt es bereits viele Ideen, die allerdings noch der Konkretisierung und Förderung bedürfen. Der Fasanerieweg wurde also aus seinem Dornröschenschlaf wachgeküsst und wird neu belebt. 

 

Doch warum ist es so schwer, die Leerstände entsprechend in die Nutzung zu bringen?
Häufig ist eine Vielzahl an Bedenken, wie sie sich beispielsweise in der Diskussion um die Zwischennutzerszene am Osthafen zeigten.
Der rege besuchte Ort wurde von konservativen Vertretern der Medien und der Stadt lange als Schandfleck und schmutziger Ort wahrgenommen und auch bezeichnet, weil hier es hier nicht so aussah, wie konservative Vertreter es als ordentlich bezeichnen würden. Oft sei es auch die Sorge, dass zunehmender Lärm zu Ärger mit den Anwohnern führt. Auch die Haftungsfrage sei immer ein großes Thema, deshalb sei es sehr viel einfacher, wenn ein Projekt wie ›Tjurip‹ anfragt. Hier stand die HBK als Mieter und Vermittler zur Verfügung. Wenn die Frage nach Haftung und Versicherung beantwortet ist, wird vieles leichter, wissen die beiden auf der Bühne zu berichten. 

Kleine Laboratorien, aus denen wirtschaftlich Spannendes entstehen kann

Deshalb ist es auch ihr Wunsch, dass mehr Struktur in das Thema gebracht wird, ein öffentlicher Mittler geschaffen werden kann, der auch entlohnt wird. Vielleicht auch gleich in den Händen der Stadtverwaltung. Eine strukturierte Bedarfsermittlung und regelmäßige Erfassung der Leerstände wäre hilfreich, um die beiden Parteien zueinander zu bringen. In anderen Städten gibt es Projekte, die das umsetzen. In Leipzig zum Beispiel gibt es den Verein HausHalten e. V. , auch die Urbanisten in Dortmund kümmern sich um Leerstände. In Frankfurt ist RADAR als Leerstandsmelder und -Vermittler aktiv.  Es gibt Projekte, die Musterverträge zur Verfügung stellen und zusätzliche Anreize für die Zwischenvermietung schaffen. Das wäre auch hier eine große Hilfe, um der Grassroot-Bewegung in Saarbrücken neue Perspektiven zu eröffnen und die Stadt attraktiver in vielerlei Hinsicht zu gestalten. Denn einerseits erhöhen diese Projekte den Freizeitwert der Stadt und sind nicht zuletzt kleine Laboratorien, aus denen auch dauerhaftes, wirtschaftlich Spannendes entstehen kann.

Die Stadt hat das Potenzial der Kreativwirtschaft und auch der Leerstände erkannt

Lutz Haertel war als Vertreter der Wirtschaftsförderung der Stadt vor Ort und kam zur Abschlussrunde auf die Bühne, um aus der Verwaltung zu berichten: Die Stadt habe das Potenzial der Kreativwirtschaft und auch der Leerstände erkannt und will dies in Zukunft noch besser nutzen. Deshalb wurde der Austausch zur Szene bereits gestärkt und soll in Zukunft dank zusätzlicher personeller Ressourcen noch ausgebaut werden. Er sieht positiv in die Zukunft.
Auch Rainer Hartz ist sich sicher, dass strukturell stärkere Unterstützung und vor allem mehr Mut, sowohl bei der Verwaltung, aber auch bei den Bürgern selbst, das Potenzial für tolle neue Projekte bildet. Auch Kollmann hofft, dass finanzielle Mittel, die der Stadt zur Gestaltung des Strukturwandels genehmigt werden, in diesen Bereich fließen werden. Denn die Chancen, die in der Zwischennutzung von Leerständen schlummern, überwiegen die Risiken, die sich mit etwas Struktur minimieren lassen, bei Weitem.

Dessen sind sich alle auf der Bühne sicher.