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Journalismus – Content & Crémant Volume 13

Journalismus – Content & Crémant Volume 13
Foto: Sascha Markus

Journalismus war das Thema der 13. Ausgabe von Content und Crémant.
Um die Branche aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und sie in ihrer ganzen Vielfalt zu beleuchten, haben wir Vertreter verschiedener Medien eingeladen. Wir gingen der Frage nach, ob Print am Sterben ist, und wie man eigentlich in den Job kommt. Wie sieht es mit Zensur aus und was geht eigentlich in Luxemburg? Auch wenn sich dabei nicht alle immer einig waren, kamen doch alle einstimmig zu dem Schluss, dass sie diesen Beruf trotz Allem wieder wählen würden.


Dr. Ilka Desgranges ist Journalistin, Moderatorin, Dozentin und Ressortleiterin bei der Saarbrücker Zeitung sowie ehemalige Ausbildungsredakteurin. Sie bedauert, dass die Zeit für die Ausbildung immer knapper wird. Auch wenn der journalistische Nachwuchs sich freue, wenn er schnell arbeiten und veröffentlichen darf, kämen die theoretischen Inhalte, wie Presseethik und -recht, oft zu kurz. Das aber hält sie für das Rüstzeug, das den Nachwuchs in den weiterhin stürmischen Zeiten über Wasser halten wird:  »Wer hier Schwächen im Wissen hat, für den kann es sehr unangenehm werden.«
Dessen ist sie sich genau so sicher wie der Annahme, dass es noch ein Weilchen stürmisch bleiben wird. Schon während ihrer Dienstjahre habe sich vieles verändert. Als sie hinter ihrer Schreibmaschine namens Gabriele anfing, habe sich noch niemand träumen lassen, wie das Internet irgendwann den Arbeitsalltag der Zeitungsleute durcheinander wirbeln wird. Das Tempo hat ordentlich angezogen, nicht nur in der Ausbildung.

Wer Schwächen in Sachen Presseethik und -recht hat, für den kann es sehr unangenehm werden.

Das bestätigt auch Philip Weber, seit 2018 Leiter der Digital-Redaktion von L’essentiel, einer Luxemburger Pendlerzeitung. Sein 20-köpfiges Team arbeitet zweisprachig, liefert Print, Online und neuerdings auch Hörfunk. Diese Multimedialität schlägt sich dann auch in der Arbeitsweise des Teams nieder, wie er berichtet:  »Auf einem Termin schreibt eine Redakteurin nicht nur einen schnellen Bericht, sie liefert idealerweise auch Bilder und bringt noch O-Töne für den Sender mit«. Das Online-Team sei zwar am stärksten besetzt, aber die Printausgabe – in Luxemburg kostenfrei zu bekommen – ist die Cash Cow.
Immer noch wollen viele Unternehmen ihre Anzeigen abgedruckt sehen. Wenn die Marketingbudgets aber endgültig in den Onlinebereich verschoben werden, wird Print sterben, ist Weber sich sicher. Eine Weile scheint es so, als sei diese Annahme Konsens. Aber nur bis Ilka Desgranges, die damals Weber selbst in dessen Volontariat betreut hat, das Mikro wieder in der Hand hat:  »Ja, Print verändert sich, aber sterben wird der Qualitätsjournalismus, auch wenn er gedruckt ist, nicht.« ist sich Desgranges sicher.

Angehende Journalisten müssen ihre Ansprüche kennen und durchsetzen können!

Auch Patrick Wiermer, aktuell für den Hörfunk bei SR3 unterwegs, hat seine Ausbildung im Print absolviert. Er arbeitet jetzt zwar im Hörfunk, wo er für sich mehr Perspektiven und Freiheiten sieht, diese Ausbildung würde er dennoch wieder machen. Bodenständig sei das immer noch, auch wenn die Volontäre heute häufig die Redakteure ersetzen und die Erfahrung draußen, bei der Vor-Ort-Recherche, zu knapp komme.
Deshalb betont Ilka Desgranges auch die Notwendigkeit, dass Nachwuchsjournalistinnen ihre Rechte kennen. Diese sind im Ausbildungstarifvertrag festgeschrieben, und die Fähigkeit, diese Ansprüche auch durchsetzen zu können, hält sie für unverzichtbar. Auf die Frage nach Einstiegsmöglichkeiten in den Beruf, sind sich alle einig: So früh wie möglich anfangen zu schreiben! Schülerzeitung, Praktikum oder Blogs – die Praxis bleibt hierzulande einfach unverzichtbar. Ein abgeschlossenes Hochschulstudium ist keine zwingende Voraussetzung, im Gegensatz zu Frankreich, wo die Ausbildung sehr viel verschulter ist, wie Wiermer berichtet.
Er kommt für seine Geschichten hin und wieder rüber nach Frankreich. Neben Fremdsprachenkenntnissen sind es auch hier eher die praktischen Dinge und Erfahrungswerte, die im Berufsalltag nützlich sind. Das menschliche Element wird auf der französischen Seit der Grenze noch größer geschrieben, der Kontakt läuft wesentlich direkter. Während in Deutschland alles sehr standardisiert über die jeweiligen Presseabteilungen läuft, trifft man sich in Frankreich eher persönlich, gerne auch zum Essen im Restaurant.

Grenzüberschreitender Journalismus wird als Luxus betrachtet. Dabei wäre er so wichtig!

Aber viele grenzüberschreitenden Geschichten gibt es nicht mehr, berichten Wiermer und Desgranges. Die Leser beziehungsweise Hörerinnen interessierten sich nicht sehr dafür. Dabei seien  die Zusammenhänge gerade hier im Saarland oft so wichtig. Und dann ist das Gespräch schon wieder beim Strukturwandel im Journalismus. Manchmal habe die Evaluation der Leserwünsche doch zu viel Einfluss auf die Themenauswahl, findet Desgranges. Der Wirtschaftlichkeitsfaktor nimmt einfach starken Einfluss auf die Arbeit. Printmedien hierzulande können von einer Finanzierung, wie die Luxemburger Pressehilfe sie bietet, nur träumen. Sie garantiert eine enorme Bandbreite journalistischer Publikationen, wie der Stapel an Printmedien, die das kleine Luxemburg täglich und wöchentlich zur Auswahl hat, beweist.

Ein guter Journalist muss was einstecken können.

Es wird deutlich: Der Zeitdruck, er wird immer wieder zum Thema, ist ein Faktor, mit dem Journalisten heutzutage klarkommen müssen. Das erfordert gute Nerven.  »Ein guter Journalist muss was einstecken können,« sagt Ilka Desgranges. Nicht nur in der Redaktion und auch nicht nur verbal. Insgesamt hat sich das Image des Journalisten verändert, oft schlägt ihnen krasse Ablehnung entgegen. Auf die Frage aus dem Publikum, ob sie auch mit Zensur zu kämpfen haben, antworten alle einzeln. Anrufe und E-Mails, in denen darum gebeten wird, eine Story so nicht zu bringen, auch schon mal gedroht wird, gebe es immer wieder. Aber mit einer guten Redaktion und streitbaren Rechtsabteilung im Rücken sei das noch nie ein Grund gewesen, eine Geschichte nicht zu bringen. Auf die Frage der Moderatorin, Isabel Sonnabend, selbst Reporterin und Moderatorin unter anderem bei SR 3 und unser Ding, ob sie ihren Job wieder wählen würden, herrscht wieder Einigkeit: Ja, trotz aller Widrigkeiten.

 

Tanja Begon