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FiDiPub – Fit for Digital Publishing

FiDiPub – Fit for Digital Publishing

Das gedruckte Buch steht unter Druck – denn auch in dieser Branche übernimmt die Digitalisierung nach und nach das Zepter. Nicht nur, dass sich der Marktanteil an E-Books in den letzten acht Jahren verzehnfacht hat, auch Marketing und Vertrieb werden zunehmend digital gesteuert.

Seit 2016 findet an der Universität Leipzig das Forschungsprojekt FiDiPub (»Fit for Digital Publishing«) statt, das die Digitalisierung der regionalen Klein- und Kleinstverlage erforscht. Mit 25 assoziierten Verlagen aus Sachsen und dem Projektpartner der Leipzig School of Media wird ein individuelles Weiterbildungsprogramm entwickelt. Im hauseigenen Kleinverlagslabor finden einzelne Laborexperimente statt, um Trends der Buchbranche auch aus kleinverlegerischer Perspektive mitzudenken und auszuprobieren. Gemeinsam mit der Kommunikationsagentur zwonull media arbeitet das Forschungsteam darüber hinaus an einer Plattform für Kleinverlage, die zur Fortbildung, Vernetzung und strategisch-kreativen Contentplanung verhelfen soll. In FiDiPub wird immer wieder deutlich, dass der digitale Wandel vor große Herausforderungen stellt, aber auch Potenziale bietet, die von kreativen Kleinunternehmen noch nicht vollends ausgeschöpft werden. 

Panel »Digital Publishing – Potenziale und Herausforderungen«

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Im Rahmen der Leipziger Buchmesse, 12.-15.März 2020, veranstalten das
Sächsische Zentrum für Kultur- und Kreativwirtschaft Kreatives Sachsen, das Institut für Angewandte Informatik und Dock 11 gemeinsam eine Podiumsdiskussion zum Thema »Digital Publishing – Potenziale und Herausforderungen«. Dabei wollen wir das Forschungsprojekt FiDiPub vorstellen, zum  Erfahrungsaustausch von Kleinverlagen im Bereich Digitalisierung anregen und deren aktuelle Bedarfe zur Sprache bringen, um gemeinsam über Lösungen zu diskutieren.
Für einen intensiveren Einblick ins Forschungsprojekt baten wir eine der beiden Projektkoordinatoren von FiDiPub, Laura Hofmann, zum Gespräch.


Dock 11: Hallo Laura, schön, dass du kurz Zeit für uns hast!
Bei den Schlagwörtern Leipzig und Buchmarkt kommen einem zunächst die Leipziger Buchmesse und das Deutsche Literaturinstitut Leipzig (DLL) in den Sinn. Allein dies prädestiniert die Stadt als Standort für ein solches Projekt. Welche anderen Faktoren machen Leipzig für FiDiPub so interessant, dass das Forschungsprojekt sich in seinem Wirken auf Leipzig und Umgebung konzentriert?

Social Media bietet eine Fülle an von der Buchbranche noch unentdeckten Perspektiven

Laura Hofmann: Hallo Matthias, danke für euer Interesse an unserem Projekt! »InnoTeam« heißt übrigens das Förderformat, welches wir seitens der Sächsischen AufbauBank für vier Jahre finanziert bekommen. Dies ist einer der Gründe für den regionalen Schwerpunkt des Projekts. Natürlich spricht aber auch noch mehr dafür: Wir beheimaten in Sachsen gerade 216 Verlage, davon sind etwa die Hälfte direkt in Leipzig angesiedelt. Neben der Buchmesse hat die Deutsche Nationalbibliothek einen ihrer zwei Standorte hier. Die Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) bietet zwei verlagsspezifische Studiengänge an und prägt so den Nachwuchs der Branche mit. Wir schauen aber auch auf eine bewegte Verlagsgeschichte zurück – in den letzten 30 Jahren sind renommierte Verlagshäuser weggezogen. Man kann dennoch sagen, dass Leipzig eine gute Stadt dafür ist, sich als Kreative*r niederzulassen und sich seine eigene Nische zu schaffen, vor allem auch wegen der hohen Lebensqualität. Eine solche Ausgangslage macht unser Projekt so spannend: Es gibt hier die verschiedensten Macher*innen – vom traditionellen Verlagshaus mit bewegter Historie bis zum Medien-Start-up, das vegane Bücher aus Graspapier erzeugt.

Die Welt erlebt derzeit eine solche Politisierung, dass sich auch die Buchbranche der Frage stellen muss, wie sie als Kuratorin von Gesellschaft und Kultur in diesen bewegten Zeiten arbeiten will.

Dock 11: Welche Fragen treiben das Projekt FiDiPub um? Kannst du uns das Projekt vielleicht kurz in deinen eigenen Worten umreißen?

Laura: Wir haben das Projekt 2016 geschrieben und sind nun im letzten Jahr. Sicherlich beantworten wir die Frage heute anders als vor vier Jahren. Anhand unserer Konferenzen kann man gut nachvollziehen, welche Forschungsschwerpunkte wir gesetzt haben: 2017 eröffneten wir mit einer Veranstaltung für die regionale Medien- und Kreativbranche mit dem Ziel, uns einen Überblick zu den Innovationen der deutschen Buchbranche zu verschaffen. Im zweiten Konferenzjahr lautete die Botschaft »Content first!«. Wir wollten Akteure zeigen, die nicht nur Produkte und Service entwickeln, die ausschließlich zwischen zwei Buchdeckeln stattfinden, und dennoch der Aufgabe des Inhalte-Kuratierens nachgehen. 2019 bezogen wir unser Kleinverlagslabor und haben uns in dieser Zeit aktiv mit Themen wie Agiltät, Digitalität und Innovativität, vor allem aus kleinverlegerischer Perspektive, beschäftigt. In diesem Jahr kommt die soziale Komponente dazu. Die Welt erlebt derzeit eine solche Politisierung, dass sich auch die Buchbranche der Frage stellen muss, wie sie als Kuratorin von Gesellschaft und Kultur in diesen bewegten Zeiten arbeiten will.

Dock 11: Gibt es – neben dem Einfluss der digitalen Neuerungen auf Herstellung, Vermarktung und Vertrieb – auch Effekte, die den Kreationsprozess betreffen. Gibt es denn bspw. eine feststellbare Zunahme im Kollektiv entstandener Arbeiten?

Die Strukturen, vor allem bei den Indies, sind weniger monolithisch und elitär.

Laura: Auf dem deutschen Buchmarkt gibt es derzeit ganz deutliche Tendenzen der Kollektivierung – ob nun auf Autor*innen-, Leser*innen- oder Verlagsseite. Menschen gestalten den Schaffensprozess noch intensiver zusammen und diese Prozesse werden durch Digitalisierung ermöglicht. Die Strukturen, vor allem bei den Indies, sind weniger monolithisch und elitär. Heute schaut man in Social Media nach neuen Stimmen, schreibt Schwerpunktthemen für eigens gegründete Literaturmagazine öffentlich aus und testet die neueste Buchidee marktanalytisch bei der Crowd, bevor die genaue Programmplanung umgesetzt wird. Blicke ich auf unser Konsortium in FiDiPub, beobachte ich mit Freude, wie die einzelnen Verlage in den letzten Monaten, beispielsweise in Workshops oder Laborexperimenten, enger zueinander gefunden haben. Jüngst diskutierten wir unter methodisch experimentellem Ansatz, ob das Publikum wirklich noch mehr Podcasts braucht, und wenn ja, ob es uns gelingt, gemeinsam einen Corporate Podcast umzusetzen. 

Dock 11: Anfang der 2000er Jahre entstanden aus schnell wachsenden Internetforen literarische Kollektive, in denen eigene Codes, Vokabular und Normen eine kollektive Identität generierten, wie bspw. die höflischen Paparazzi.  Nun ist die große Zeit der Internetforen vorbei. Haben die Social Media Kanäle, die sich seither etablierten, hier für Ersatz sorgen können?
Wie sehen Kreationsprozesse im digitalen Kollektiv denn heute aus?

Auf dem deutschen Buchmarkt gibt es derzeit ganz deutliche Tendenzen der Kollektivierung

Laura: Ich glaube ja. Mit Nikola Richter sprach ich jüngst in einem Interview zum poetischen Potenzial von Social Media und welcher Kanal ihrer Meinung nach am meisten Literatur hervorbringt. Richter ist Verlegerin von Mikrotext und hat 2020 das Jahr des offenen Verlags ausgerufen – ein gutes Beispiel also für digitale Kollektivarbeit. Dafür hat sie – online – einen Aufruf gestartet und Programmplätze ausgeschrieben. Aus den 30 eingereichten Titel-Ideen bildet sich ihr diesjähriges Frühjahrsprogramm. Als Verlegerin reizt sie vor allem, die mikrotext-Community selbst zu befragen, was diese aktuell lesen will, wie ihrer Meinung nach ein Verlag heutzutage funktionieren sollte und welche Art von Publikationen wir jetzt brauchen. Ihre Gastverleger*innen treiben die oftmals im Kollektiv entstehenden Titel eigeninitiativ voran, sie steht beratend zur Seite und bietet die Infrastruktur eines eingespielten Verlags.
Aber auch sonst bietet Social Media eine Fülle an von der Buchbranche noch unentdeckten Perspektiven: Auf Instagram und Twitter treffen sich engagierte Leute, die täglich mehrere Stunden in Austausch gehen, relevanten Content kreieren, oftmals bereits ihre eigenen Communitys managen. Auch die Story-Funktionen bei Instagram bieten Möglichkeiten, Geschichten gemeinsam zu erzählen. Dort gibt es Influencer*innen, die zu festen Zeiten Realtalks eröffnen und die Umfrage-Option nutzen, um ihre Follower*innen mit spannenden Fragen wie »Wofür schämst du dich?« oder »Wann und bei was hast du das letzte Mal gelogen?« miteinander ins Gespräch bringen. Das hat schon Eventcharakter und wäre auch in Verlagstiteln denkbar. Es gibt so viele Möglichkeiten. Ich bin gespannt, was wir als Branche daraus machen!

Ein Mix aus Marktanalyse und Community Building.

Dock 11: Was kann eine Community, bestehend aus potentiellen Leser*innen und Literaturschaffenden, noch liefern? Kann ich ähnlich wie beim Crowdfunding bereits eine Art Marktanalyse betreiben, wenn ich die Community von Beginn an mit ins Boot nehme?

Laura: Auf jeden Fall! Beispielsweise, wie eben schon angesprochen, über Instagram-Story-Funktionen. Die Medien- und Musikbranche macht das im Übrigen, seitdem es diese Option gibt: Sie nutzen die Umfrage-Tools, um Konzerttermine, die explizite Städteauswahl und letztendlich sogar die Setlist für den Gig bei der Crowd vorzufühlen. Das ist ein kluger Mix aus Marktanalyse und Community Building. Verlage machen das natürlich auch, lassen über Cover abstimmen, geben die Gestaltung einzelner literarischer Figuren ab, integrieren Leser*innen und Blogger*innen in den durch Social Media begleiteten Release eines neuen Titels, indem sie ihnen kreative Aufgaben zur Auseinandersetzung mit der Geschichte stellen, … Das macht den Leuten Spaß, sie begeistern sich für das Produkt und empfehlen es dann mit Überzeugung weiter. 

Dock 11: Ihr beschäftigt euch aber nicht nur mit Fragen, die die Digitalisierung für die Verlagsbranche aufwirft, habt ihr doch auch Potenziale in der Eventisierung von Content verortet. Geht das Interesse am gemeinsamen Erleben aus dem digitalen Abgeschottetsein hervor, in dem wir mittlerweile Inhalte konsumieren? Reicht uns die digitale Community dann letzten Endes doch nicht aus, um ein Gefühl des gemeinsamen Erlebens zu schaffen?

ein stärkeres Bedürfnis des Zusammenkommens nach Jahrzehnten des digital autarken Konsumierens

Laura: Ich glaube, beides ist möglich. Es gibt großartige Events des digitalen Verbundenseins: Buddy Reads, das sind gemeinsame Lesenächste mit entsprechendem Hashtag auf #bookstagram (das Instagram der Buchaffinen), digitale, transkulturelle Konferenzen, die im Analogen so nicht stattfinden könnten, und das eine oder andere unvorhersehbare Twitter-Drama ist sicher auch dabei. Andererseits ist es – so finde ich – schwer, das sich Begegnen in Realität zu toppen. Und ich glaube auch, dass die Leute nach den ersten zwei Jahrzehnten des digital autarken Konsumierens wieder ein stärkeres Bedürfnis des Zusammenkommens haben. Um Orientierung und Inspiration zu finden, sich anzuvertrauen und wieder ein wenig heimeliger zu fühlen, weil das Netz auch sehr unbarmherzig und chaotisch sein kann. Das ist aber eine schwierige Frage, weil sie schnell auch politisch wird. Denn Digitalisierung eröffnet auch Schutzräume, die es so in Realität in unserer Gesellschaft noch nicht gibt. Zum Thema »Eventisierung von Content« haben wir unseren nächsten Workshop für die Kleinverlage geplant – das Thema beschäftigt uns aktuell also sehr.

Kontrolle und  Ego abgeben, Wissen teilen und Platz machen für neue und andere Perspektiven

Dock 11: Bei unserem gemeinsamen Panel in Leipzig begrüßen wir unter Anderem die von dir bereits erwähnte Verlegerin Nikola Richter von mikrotext auf der Bühne. Glaubst du, ihr aktuelles Geschäftsmodell vom Jahr des offenen Verlags wäre auch denkbar für Verlage, die derzeit noch recht klassisch agieren, oder ist mikrotext aufgrund seiner ungewöhnlichen Struktur und Denkweise dazu besonders geeignet?

Laura: Also arbeitsorganisatorisch gedacht glaube ich, dass eine so radikale Öffnung auf Geschäftsmodellebene extrem mutig und herausfordernd ist, aber im Grunde für jedes Unternehmen denkbar, wenn die Entscheider*innen dafür bereit sind. Es bedeutet ja vor allem, Kontrolle und letztendlich auch Ego abzugeben, Wissen zu teilen und Platz zu machen für neue und andere Perspektiven. Ich sehe darin eigentlich nur Gutes. Es könnte ein generationenübergreifendes Miteinander in der Arbeitswelt fördern, wenn es gut moderiert würde. Mehr Wertschätzung und Empathie hervorbringen … Wenn ich mir das etablierte Vorgehen in der Programmplanung anschaue, ist mikrotext als Verlag schon ziemlich zukunftsgewandt. Die nächsten Titel werden oft im Netz gefunden, die Autor*innen dort sind nicht immer Menschen, die schreiben, weil sie unbedingt ein Buch herausbringen wollen. Auf diese Weise der Manuskriptakquise muss man sich einlassen können und es setzt eine stark digitale Verbundenheit mit der Welt voraus, weil dort heute eben viele wichtige Diskurse stattfinden.

FiDiPub forscht zur Digitalisierung in der sächsischen Kleinverlagsbranche und wird aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) und des Freistaates Sachsen finanziert.

Interview: Matthias Schmitt

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