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Interview musicBWwomen*: Tina Kraft

Interview musicBWwomen*: Tina Kraft

Bei der SAMM Music Week vergangene Woche diskutierten über 50 Gastredner*innen und Teilnehmer*innen zum Thema Musik. Der Thementag »Change« legte seinen Fokus auf  unter anderem auf die Frage, inwieweit Chancengleichheit im Musikbusiness besteht. Mit von der Partie war Tina Kraft. Sie ist Teil der musicBWwomen*, ein Ländernetzwerk in Baden-Würrtemberg, das sich für Frauen in der Musikbranche sowie für eine gleichberechtigte Behandlung der Geschlechter in der Branche einsetzt. Im Interview sprachen wir über Lohnlücken, Empowerment und den Nutzen eines regionalen Netzwerks für Frauen* in der Musikbranche.

Dock 11: Hallo Tina, schön, dass du dir Zeit genommen hast. Du hast uns letzte Woche bei deinem Beitrag auf der SAMM Music Week anhand von belastbaren Daten aufgezeigt, dass es ein Genderproblem im deutschen Musikbusiness gibt. In welchen Bereichen haben die musicBWwomen* denn die größten Schieflagen ausgemacht?

Gender Gaps: Frauen* haben es immer noch schwer

Tina Kraft: Probleme gibt es an unterschiedlichsten Stellen der Musikbranche. Ein großes Problem stellt zunächst einmal der Gender Data Gap da. Es herrscht nach wie vor eine große Datenlücke, was Frauen* im Musikbusiness betrifft. Das macht es schwierig, Probleme konkret zu adressieren und klare Ziele zu stecken. Zwar gibt es vereinzelt Studien, die das Ungleichgewicht der Geschlechter innerhalb der Musikindustrie aufzeigen, doch fehlt es an vielen Stellen immer noch an aussagekräftigen Zahlen. So wissen wir beispielsweise nach wie vor nicht, wie viele Frauen* in den einzelnen Teilbranchen der Musikindustrie vertreten sind. Geschweige denn, in welchen Positionen sie arbeiten, unter welchen Bedingungen und für welches Gehalt.
Damit sind wir direkt beim nächsten Problem: Der Gender Pay Gap, also die Lohnlücke zwischen Frauen* und Männern. Eine Studie des Deutschen Kulturrats hat aufgezeigt, dass Dirigentinnen im Schnitt 44% weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen. Bei Komponistinnen liegt diese Differenz bei durchschnittlich 35%, bei Musicalsängerinnen bei 31%. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Gender Pay Gap in Deutschland lag laut Statistischem Bundesamt 2020 bei 18%.
Frauen* haben es zudem immer noch schwer, in Führungspositionen zu gelangen. 2015 wurden nur 7,4% der Mitgliedsunternehmen des VUT von Frauen* geführt, 5,5% von gemischten Teams.
Die Liste kann man außerdem um Sexismus, stereotype Rollenbilder, fehlende Vorbilder und einige Probleme mehr ergänzen. 

Dock 11: Durch welche Mittel und Maßnahmen können sich Frauen in der Musikwirtschaft empowern und diesen Ungleichheiten begegnen?

Bildet Banden!

Tina Kraft: Ich denke, am wichtigsten ist es, sich zu vernetzen, Kompliz*innen zu suchen und Banden zu bilden. Wir müssen uns austauschen, einander bestärken und uns gegenseitig Vorbilder sein.

Dock 11: Inwieweit wehrt sich denn diese so männlich dominierte Branche gegen die von euch angeschobenen systemischen Veränderungen?

Tina Kraft: Wir haben bei den musicBWwomen* bisher keine Abwehrmechanismen zu spüren bekommen. Im Gegenteil: Bei unseren öffentlichen Treffen und Events nehmen regelmäßig Männer teil, die sich für das Thema interessieren und sich für mehr Gleichberechtigung einsetzen möchten. Und genau das braucht es auch: Den gemeinsamen Diskurs. Veränderungen können nur zusammen angestoßen werden und bieten Vorteile für uns alle – davon sind wir überzeugt.

Dock11: Du studierst im Master »Music and Creative Industries« an der Popakademie Baden-Württemberg und hast auch schon durch viele weitere Aktivitäten ein Bein in der Musikindustrie. Wie stellt sich die dort mangelnde Geschlechtergerechtigkeit im alltäglichen Business für dich dar?

Ein wesentliches Problem in der Kreativindustrie: mangelnde Diversität

Tina Kraft: Was mir tatsächlich immer wieder begegnet, ist die Annahme, dass Geschlechterungerechtigkeit in der Kultur- und Kreativindustrie kein Problem sei – sowohl von Leuten innerhalb, als auch von Personen außerhalb der Branche. Das wird dann häufig damit begründet, dass so viele kreative, aufgeklärte und innovative Köpfe im Musikbusiness tätig seien. Das ist für mich oft unverständlich. Wir wachsen alle in einer Gesellschaft auf, in der Frauen* und Männer nach wie vor nicht gleichgestellt sind, in der Diskriminierungen unterschiedlichster Art (auch Sexismus) auf der Tagesordnung stehen. Warum sollte das ausgerechnet im Musikbusiness anders sein? Ich finde es sehr problematisch, dass die Wahrnehmung diesbezüglich so verzerrt zu sein scheint. Dadurch wird ein wesentliches Problem der Branche, nämlich die mangelnde Diversität auf und hinter der Bühne, verkannt.

Dock 11: Du bist ja Teil der musicBWwomen*, einem Ländernetzwerk, welches den Music Women* Germany zugehörig ist. Kannst du uns etwas über die Struktur der MWG erzählen? Wie seid ihr aufgebaut?

Tina Kraft: Die Music Women* Germany sind die unabhängige Dachorganisation der Music Women* Ländernetzwerke. Sie setzen sich für die Förderung, Vernetzung und Sichtbarmachung von Frauen* in der Musikwirtschaft ein, beispielsweise durch den Launch der ersten bundesweiten Datenbank für Musikfrauen*. Das Board der Music Women* Germany fungiert dabei als Vorstand. Außerdem gibt es eine Vielzahl an Ambassadoras, die die Music Women* unterstützen. Darunter Mine, Dota Kehr, Antje Schomaker und viele, viele inspirierende Musikfrauen* mehr!

Dock 11: Was bräuchte es, um eine Regionalgruppe »Music Women* Saarland« zu eröffnen? Welche Hilfestellungen kann der Bundesverband der Music Women* Germany Frauen im saarländischen Musikbusiness bieten, die sich dieser Aufgabe annehmen möchten? Und gibt es spezielle Ansprechpartnerinnen, an die sie sich wenden können?

Motivierte Menschen mit Lust auf Veränderungen

Tina Kraft: In erster Linie braucht es motivierte Menschen, die Lust darauf haben, Veränderungen anzustoßen – ganz egal welchen Geschlechts. Wenn man sich zusammengefunden hat, kann man gemeinsam überlegen, welche Ziele man als Music Women* Saarland genau verfolgen möchte, was es für deren Umsetzung braucht und wer einen dabei unterstützen kann. Das Board der Music Women* Germany ist dabei Ansprechpartner, liefert viele Hilfestellungen – auch mit Blick auf die Vereinsgründung – und steht jederzeit mit Rat und Tat zur Seite.  

Dock 11: Danke für die spannenden Einblicke! Weiterhin viel Erfolg im Kampf gegen die Geschlechterungerechtigkeit im Musikbusiness!

Mehr Infos und News rund um die Kreativbranche lest ihr in unserem Magazin!

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