Code macht Kunst – Interview mit Mike Balzer
Mike Balzer macht generative Kunst. Seine auf Code basierenden Arbeiten veröffentlicht er digital im Internet, wobei er den Begriff NFT lieber meidet. Jetzt steht er vor seinem bisher größen Release – mit einer New Yorker Galerie.

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In der Generative Art Community sind Mike Balzer (aka pxlshrd) und seine Kunst bestens bekannt. Doch auch in der klassischen Kunstwelt fasst der in Saarbrücken lebende und arbeitende Künstler immer weiter Fuß: Dieses Jahr schaffte er den Sprung nach New York, wo er von der Heft Gallery vertreten wird. Am 27. August folgt nun sein wahrscheinlich bisher größter Release: Residue. Darüber und wie es seine Arbeiten vom Browser bis nach Manhattan geschafft haben, sprachen wir mit ihm.
Dock 11: Seit diesem Jahr wirst du von der Galerie »Heft« in NYC vertreten. Von einer Galerie in New York träumen viele Künstler:innen. Wie kam es dazu und was erhoffst du dir von der Zusammenarbeit?
Mike: Die Verbindung zu Adam Berninger, dem Gründer von Heft, entstand organisch über das Netzwerk, das ich seit 2021 aufbaue. Wir stehen regelmäßig in Kontakt und haben auch in der Vergangenheit schon zusammengearbeitet. 2023 haben wir über seine digitale Galerie TENDER mein Projekt Rückkopplung veröffentlicht.
Als ich Adam vor ein paar Monaten wegen einer potenziellen zweiten Kollaboration anschrieb, war mir überhaupt nicht bewusst, dass er kurz vor der Eröffnung einer Galerie in Manhattan stand. Umso schöner war es, dass er mir anbot, bei einer der beiden ersten Group-Shows mitzuwirken.
In letzter Zeit hört man viel über den Rückgang und die Schließung von Galerien, speziell in NYC. Das Besondere an Heft und einigen anderen Galerien einer neuen Generation ist, dass sie versteht, dass sich die traditionelle Kunstwelt grundlegend verändert. Sie betrachtet digitale und physische Kunst nicht als Gegensätze oder konkurrierende Formate, sondern als sich ergänzende Ausdrucksformen, die neue Möglichkeiten eröffnen. Fast jeder der digitalen Heft Releases existiert auch in irgendeiner Form als Physical, sei es als Print, Skulptur, Gemälde oder Textil.
Dock 11: Du machst Kunst mit Code. Wie kann man sich das vorstellen?
Mike: Ich schreibe ein generatives System, das auf Code basiert. Generatives System bedeutet vereinfacht gesagt, dass der Code etwas Optisches oder Akustisches anhand von mir definierter Regeln erzeugt. In meinem Fall ist es eher Ersteres, wobei meine früheren Arbeiten auch immer eine akustische Ebene hatten. Die Outputs des Codes werden dann im Browser als Bild, Sound, Animation oder 3D-Szene dargestellt. Technisch gesehen sind meine Bilder nichts anderes als eine Webseite.
An bestimmten Stellen im Code setze ich randomisierte Werte, die gewisse Parameter steuern. Zum Beispiel, welche Farbpalette für einen Output verwendet wird. Die Farbpaletten lege ich vorher fest. Je mehr Willkür ich dem System durch diese randomisierten Werte zuführe, desto freier und unkontrollierbarer wird es.
>>> Ein kleiner Exkurs, der veranschaulichen soll, was Mike meint. Diese beiden Outputs stammen aus dem Code von Residue. Hier hat Mike für uns absichtlich genau einen der Parameter verändert: die Farbpalette. Normalerweise wird auch diese aus einem zuvor festgelegten Pool von Paletten zufällig ausgewählt. Wie man sieht, sind die Outputs bis auf die Farbpalette identisch.


Mike: Die Herausforderung liegt darin, an den richtigen Stellen die richtige Bandbreite an Werten zu implementieren und diese Willkür mit komplexeren Techniken wieder in Zaum zu halten und den Output Space (die Gesamtheit möglicher Bilder, die aus dem Code generiert werden können, Anm.) zu formen. Dieses Zähmen, Formen und Lenken des Output Spaces ist meiner Meinung nach das, was diese Praxis zu künstlerischem Ausdruck erhebt, da mit steigender Komplexität mehr und mehr Entscheidungen getroffen werden müssen.
Am Ende eines Projekts steht dann oft eine limitierte Collection, die manchmal mehrere hundert einzigartige Artworks umfasst. Mittlerweile gibt es jedoch viele verschiedene Arten, ein Projekt zu veröffentlichen. Ein anderes Beispiel ist das »Open-Form«-Modell, bei dem die Anzahl der Outputs unbegrenzt ist und das sich vollständig an der generativen Natur von Algorithmic Art orientiert.
>>> Hier noch ein paar weitere Outputs aus Residue. Alle Artworks stammen aus demselben Algorithmus und sind dennoch einzigartig.






Dock 11: Wo liegt für dich der besondere Reiz an der Arbeit mit generativen Systemen?
Mike: Was mich reizt, ist, dass man beim Gestalten dieser Systeme ganzheitlich und prozessual denken muss. Ein einzelner Output steht für mich selten im Fokus. Der Ausdruck ergibt sich somit aus der Gesamtheit dessen, wozu ich das System befähige und den Grenzen, innerhalb derer es operiert. Dadurch verschiebt sich der Schwerpunkt von individueller Repräsentation hin zur Bedeutung dessen, was sich stets im Werden befindet, ohne je vollständig manifest zu werden.
Mit Code kann ich meine Ideen dabei viel schneller iterieren als mit traditionellen Materialien. Zudem kann ich es immer und überall tun. Algorithmic Art, Code-Based Art, Browser-Based-Art oder Generative Art (wobei ich diesen Begriff vermeide, da er zunehmend von KI-Künstler:innen besetzt wird) bedarf lediglich Computer/ Smartphone und Browser, um in seiner intendierten Form zu existieren. Sogar meine Oma hat Verknüpfungen zu einigen meiner Arbeiten auf ihrem Smartphone-Startbildschirm. Man benötigt keine besonderen Gegebenheiten oder Gerätschaften, abgesehen von denen, die man ohnehin täglich nutzt. Ich denke dabei immer gerne an die Erfindung der Ölfarben in Tuben und wie diese, aufgrund der gesteigerten Mobilität, den entscheidenden Impuls für den Impressionismus gab. In ähnlicher Weise sitze ich auch selbst manchmal mit dem Laptop einfach im Wald und programmiere dort.
Dock 11: Sprechen wir über dein neues Projekt. Zwei deiner Bilder hängen aktuell in einer Group-Show bei »Heft«. Beide sind Ölpastellmalereien aus deinem Projekt »Residue«. Am 27.08. folgt ein digitaler Release über die Galerie. Coding, Ölpastell und digitaler Release passen erstmal nicht zusammen. Hol uns einmal ab: Wie müssen wir uns das Projekt vorstellen?
Mike: Residue ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich meine Arbeitsweise entwickelt hat. Das Projekt begann digital und entstand über einen Zeitraum von zwei Jahren. Während der Kommunikation mit Adam entwickelte sich die Idee, diese digitalen Outputs in die physische Welt zu übersetzen. Jedoch nicht als Prints und somit als etwas statisch-restriktives, sondern mehr als etwas lebendig-offenes.
>>> So sahen die Outputs von Residue aus, als Mike vor zwei Jahren begann, an dem Projekt zu arbeiten:


Mike: Ich versuche zwar eine möglichst originalgetreue Übersetzung der digitalen Outputs zu erreichen, jedoch sind die Ölpastelle eher Interpretationen, die sich den Besonderheiten des Umgangs mit Ölpastell und meinen eigens dafür entwickelten Malgründen anpassen. Zudem variieren die Techniken für jeden Output; manchmal muss ich zum Pinsel greifen oder auch mal andere Hilfsmittel nutzen, um die Eigenheiten der digitalen Versionen zu reproduzieren.
In diesem Reproduktionsprozess entsteht eine Art Rückkopplung zwischen den Medien. Das Digitale informiert das Analoge, das Analoge inspiriert, wie ich den Code weiter forme. Der Titel »Residue« spielt darauf an, dass immer etwas zurückbleibt, wenn Systeme operieren oder wenn man zwischen Welten übersetzt. Dabei betrachte ich jeden Output meines Codes nicht lediglich als Rückstand eines operierenden Systems, sondern auch als materielles Gedächtnis dieses immerwährenden Prozesses. Genau wie geologische Schichten oder Fossilien fungieren diese digitalen und physischen Outputs als Erinnerungsbilder, die Zeit und Bewegung in einer einzigen Form einfrieren. Diese Rückstände machen nicht nur das Gedächtnis, sondern auch die Tendenzen und Eigenheiten des Systems lesbar. Diese Sichtweise ist für mich deshalb so interessant, weil die Outputs nicht nur über das Vergangene informieren, sondern auch über all das, was noch nicht manifestiert ist, aber in den Regeln des Systems bereits angelegt ist.
>>> Residue #1 und #2 als Ölpastelle:

Dock 11: Du nutzt Blockchain-Technologie für die Verwertung deiner Arbeiten. Der Begriff NFT ist vielen bekannt, aber auch stellenweise in Verruf geraten. Wie sah dein Weg aus und was ist für dich das Besondere an der Technologie?
Mike: Wichtig ist zunächst, dass man die Blockchain auch nur als technisches Werkzeug sieht, genau wie den Code. Ich vermeide übrigens den Begriff »NFT«, da er so negativ konnotiert ist. Viele denken dabei an Affenbilder und Geldwäsche. Das könnte jedoch nicht weiter davon entfernt sein, was ich und viele andere machen.
Es gibt eine lebendige Bewegung von Künstler:innen aller Art, die Blockchain-Technologie nutzen, um ihre Arbeiten niedrigschwellig und inklusiv zu veröffentlichen. Diese Bewegung nahm 2021 mit »Hic et Nunc« ihren Anfang, einer Open-Source-Plattform, deren Ziel es war, unabhängigen Künstler:innen eine gleichberechtigte Stimme in der digitalen Kunstwelt zu geben. Auch ich machte dort meine ersten Schritte in dem Space. Obwohl die Website bereits im November 2021 offline ging, zeigte sie mir das Potenzial in der Nutzbarmachung von Blockchain-Technologien. Andere Entwickler:innen können auf die Daten, die in die Blockchain eingeprägt sind, zugreifen und sie in neue Webseiten/Plattformen integrieren.
Aus den Trümmern von »Hic et Nunc« entstand im November 2021 fxhash, eine Plattform, die sich auf code-basierte Arbeiten spezialisiert hat. Man lädt seinen Quellcode auf die Blockchain und jede Person, die aus diesem Code heraus „mintet”, vereinfacht gesagt einen Output erwirbt und damit die Generierung eines Outputs triggert, erhält ein völlig einzigartiges Artwork. Dieses entsteht aus der unvorhersagbaren Interaktion zwischen der individuellen Wallet, dem Code und den kryptographischen Eigenschaften der Blockchain. Das ist etwas völlig Neuartiges und ohne die Technologie dahinter undenkbar.
Dock 11: Reden wir über das Netzwerken. Du hast weder Kunst studiert noch hast du andere klassische Wege eingeschlagen. Trotzdem hast du es geschafft, dir quasi von zu Hause aus ein internationales Netzwerk aufzubauen. Wie hast du das geschafft?
Mike: Das meiste an Kommunikation der Community findet hauptsächlich auf Discord-Servern statt, wo es weitere Sub-Communities gibt. Dort steht keine dritte Partei zwischen Künstler:innen und Sammler:innen. Im Vergleich zur klassischen Kunstwelt ist das natürlich etwas völlig anderes. Und zumindest im ersten Schritt muss ich mich nicht auf Ausstellungseröffnungen quälen, um mit anderen Akteuren ins Gespräch zu kommen. Das ist für mich als introvertierte Person auf jeden Fall von Vorteil.
Es ist aber nicht ganz richtig, dass ich das nur von zu Hause aus geschafft habe. Auch ich musste irgendwann auf klassische Events, um mein Netzwerk auszubauen. Der direkte Austausch in Persona ist dann am Ende doch wichtig, besonders wenn man Kontakte vertiefen möchte.
Letztendlich hängt es meiner Meinung nach auch hier damit zusammen, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.
Dock 11: Kennst du im Saarland noch andere Artists aus dem Bereich?
Mike: Da die meisten meiner Connections über das Internet entstehen, ist es eher unwahrscheinlich, auf Coding-Künstler:innen aus dem Saarland zu stoßen. Ich habe das Gefühl, dass es im Saarland eine gewisse Reserviertheit gegenüber digitaler Kunst im Allgemeinen gibt und dass Entwicklungen in diesem Bereich nicht ernstgenommen oder zu spät erkannt werden. Das hat sich in den letzten Jahren zwar etwas geändert, aber besonders wenn die Praxis tief in, ich nenne es mal „Technologie”, verwurzelt ist und man dazu noch die Blockchain als Medium nutzt, habe ich oft die Erfahrung gemacht, sofort in eine Crypto-Tech-Bro-Schublade gesteckt zu werden. Die Realität ist jedoch viel differenzierter, und es gibt Bewegungen, die sich von diesem Image distanzieren. Ich denke, im Saarland fehlen einfach die Anlaufstellen, die über diese Entwicklungen informieren, sie situieren und praktische Ansätze bieten. Mit gezielten und gut durchdachten Workshops, wie sie in größeren Städten wie Berlin immer mal wieder angeboten werden, könnte man jedoch eine Sensibilisierung schaffen, auch wenn Code-Based-Art erst einmal einschüchternd und sperrig wirkt.
Bisher habe ich im Saarland keine Person getroffen, die Coding so nutzt, wie ich. Es gibt jedoch einige Künstler:innen, die sich generativen Techniken bedienen, beispielsweise mit Programmen wie TouchDesigner. Der Unterschied liegt darin, dass man vorgefertigte Module nutzt und diese dann auf einer Benutzeroberfläche miteinander verknüpft. Der Code, der alles im Hintergrund generiert, liegt jedoch verborgen hinter der UI des jeweiligen Programmes. Ich interessiere mich mehr dafür, diese vorgefertigten Module selbst zu schreiben, was mir mehr Flexibilität im Gestalten meiner Systeme ermöglicht.
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