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Stipendienprogramm Kunst- und Kulturschaffende | Christine Streichert-Clivot im Interview

Stipendienprogramm Kunst- und Kulturschaffende | Christine Streichert-Clivot im Interview

Die saarländische Landesregierung hat ein zweites Stipendienprogramm für soloselbstständige Kunst- und Kulturschaffende aufgelegt. Wir nahmen diese gute Nachricht zum Anlass, um mit Bildungs- und Kulturministerin Christine Streichert-Clivot, auf deren Bestreben hin das Programm initiiert wurde, über das Stipendienprogramm und die Lage der Kultur im Saarland zu sprechen.  

Dock 11: Guten Tag Frau Streichert-Clivot, schön dass Sie sich bereits zum zweiten Mal die Zeit genommen haben, um mit uns über die Kulturförderung im Saarland zu sprechen. Ganz aktuell soll das zweite Stipendienprogramm der Branche und der Kulturlandschaft unter die Arme greifen. Was hat Sie dazu bewogen, das Kulturstipendium neu aufzulegen?

Christine Streichert-Clivot: Viele soloselbstständige Kunst- und Kulturschaffende haben ein sehr hartes Jahr hinter sich. Sie konnten im letzten Sommer nur sehr eingeschränkt auftreten. Wenn sie dazu kamen, mussten sie strenge Hygienevorgaben einhalten, die wiederum zu wesentlich geringeren Besucher*innenzahlen, also weniger Einnahmen führten. Umso härter traf der zweite Lockdown soloselbstständige Kunst- und Kulturschaffende – trotz aller bisherigen Unterstützung, die wir im Land und im Bund auf den Weg gebracht haben.
Viele Solokünstler*innen müssen auf ihre Rücklagen, die sie oft als Altersvorsorge gespart haben, zurückgreifen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Daneben werden auch die Ersparnisse aufgebraucht, die eigentlich gebraucht werden, um in normalen Zeiten produktionsfreie Phasen überstehen zu können oder um in Vorlage bei Produktionen treten zu können. Die Hilfen des Bundes, wie November- und Dezemberhilfen oder Überbrückungshilfen reichen bei weitem nicht aus und auch das Bundesprogramm Neustart Kultur weist Lücken auf.
Ohne Förderung werden viele von ihnen in der Zeit nach der Pandemie nicht mehr für die Kultur im Saarland arbeiten können, weil ihnen schlicht die Mittel dazu fehlen. Das wäre ein herber Verlust. Deshalb haben wir das Stipendienprogramm für soloselbstständige Kunst- und Kulturschaffende neu aufgelegt. Es geht darum, ihnen auch in der Krise die künstlerische Arbeit zu ermöglichen.

Die Hilfen des Bundes, wie November- und Dezemberhilfen oder Überbrückungshilfen reichen bei weitem nicht aus und auch das Bundesprogramm Neustart Kultur weist Lücken auf.

Dock 11: Für welchen Zeitraum ist das Stipendium angedacht und bis wann müssen die Kunst- und Kulturschaffenden Ergebnisse vorweisen?

Christine Streichert-Clivot: Die saarländischen Kunst- und Kulturschaffenden können noch bis zum 31. Mai 2021 einen Antrag auf ein Stipendium stellen. Nach Ablauf des Stipendiums ist spätestens bis zum 31. Dezember 2021 ein Arbeitsnachweis in Form einer Dokumentation, eines Tätigkeitsberichts oder Ähnliches über die künstlerische Arbeit, für die das Stipendium genutzt wurde, vorzulegen.

Solokünstler*innen mit und ohne eigenen Betrieb antragsberechtigt

Dock 11: Gibt es im Vergleich zum ersten Stipendium signifikante Änderungen bei den Fördergrundsätzen?

Christine Streichert-Clivot: Ja, das erste Stipendienprogramm wurde aufgelegt, um Solokünstler*innen ohne eigenen Betrieb zu unterstützen, da die Soforthilfeprogramme von Bund und Land Lücken aufwiesen: Solokünstler*innen ohne eigenen Betrieb waren nicht antragsberechtigt. Um diese Lücke zu schließen und die Solokünstler*innen zu unterstützen, die die Bundes- und Landesprogramme nicht in Anspruch nehmen konnten, haben wir im Mai letzten Jahres ein Stipendienprogramm für eben diese Zielgruppe aufgelegt. Das neu aufgelegte Stipendienprogramm hat nicht mehr primär das Ziel, eine Förderlücke zu schließen, sondern soll die Solokünstler*innen dazu befähigen, die aktuelle Situation für ihre künstlerische Weiterentwicklung kreativ zu nutzen. Neu ist auch, dass diesmal sowohl Solokünstler*innen mit und ohne eigenen Betrieb antragsberechtigt sind. Außerdem führt es diesmal nicht zum Ausschluss vom Stipendienprogramm, wenn die Antragsteller*innen bereits Hilfen aus anderen Programmen von Bund oder Land im Rahmen der Corona-Krise beansprucht haben.

Das Stipendienprogramm ist absichtlich so offen gefasst, dass alles möglich ist

Dock 11: Das Stipendium kann eingesetzt werden, »um die eigenen künstlerischen Fähigkeiten zu verbessern oder neue kreative Ansätze der Kunstvermittlung zu entwickeln oder umzusetzen«, so die Formulierung im Antrag. Wo sieht das Ministerium für Bildung und Kultur hier denn die Begrenzungen, was Weiterbildungen angeht?

Christine Streichert-Clivot: Was die Weiterbildung angeht gibt es keine Begrenzung. Das Stipendienprogramm ist absichtlich so offen gefasst, dass alles möglich ist. Die Kunst- und Kulturschaffenden sollen mit Hilfe des Stipendiums die Möglichkeit haben, sich künstlerisch weiterzuentwickeln. Ein Nachweis, bestenfalls in Form eines Werks, eines Konzepts oder Ähnliches ist aber erforderlich. Im Falle einer klassischen Weiterbildung wäre das dann neben dem Teilnahmezertifikat eine Arbeitsprobe der im Zuge der Weiterbildung erlernten Technik, die für das jeweilige professionelle künstlerische Schaffen relevant ist.

Das Saarland lebt von seinen kurzen Wegen. Das gilt auch für die Kulturpolitik.

Dock 11: Auch Dock 11 war vor Kurzem zum zweiten Kulturgipfel des Saarlandes eingeladen und stand dort in einem fruchtbaren Austausch mit Akteur*innen. Wie hat sich die Kommunikation des Ministeriums mit den direkt betroffenen Kunst- und Kulturschaffenden seit Ausbruch der Pandemie außerdem entwickelt? Wie werden hier die Bedürfnisse ermittelt?

Christine Streichert-Clivot: Der Austausch des Ministeriums mit den Kunst- und Kulturschaffenden und die Ermittlung der Bedürfnisse finden auf ganz unterschiedlichen Wegen statt. Zum einen stehen die Fachreferate meines Hauses in einem engen Austausch mit den ihnen aufgrund ihrer Kunstrichtung zugeordneten Kunst- und Kulturschaffenden. Neben diesem direkten Kontakt mit den Kulturschaffenden, interagieren die Fachreferate auch mit den kulturellen Dachverbänden. Das Saarland lebt von seinen kurzen Wegen. Das gilt auch für die Kulturpolitik. Unmittelbare Vernetzung ist mir mit den kulturellen Akteur*innen sehr wichtig. Deshalb habe ich dieses Format entwickelt. Ich tausche mich aber auch dazwischen direkt mit den Kunst- und Kulturschaffenden aus.

Die Corona-Pandemie zeigt die Schwachstellen in der Kulturförderung

Dock 11: Wird sich nach Ihrer Einschätzung die Kulturförderung sowohl im Saarland als auch im Bund durch die die Corona-Pandemie nachhaltig verändern?

Christine Streichert-Clivot: Die Corona-Pandemie zeigt die Schwachstellen in der Kulturförderung, die sich aber auch vorher schon abgezeichnet haben, deutlich. Ich hoffe, dass wir durch die Fördergelder, die aktuell zur Unterstützung der Kulturlandschaft zur Verfügung stehen, nachhaltig etwas zum Guten verändern und Perspektiven schaffen können.

Dock 11: Recht herzlichen Dank für das Interview, Frau Streichert-Clivot.

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